
Hallo du schöner Mensch, toll, dass du da bist. Heute möchte ich das Thema Liebe mit dir besprechen. So allgegenwärtig sie ist, so wirr ist auch unser Bild von ihr. Was bedeutet Liebe überhaupt und wie hat sich unser Verständnis vom Konzept der Liebe im Laufe der Geschichte entwickelt? Diese Fragen versuche ich in der heutigen Episode zu beantworten. Bleib bis zum Ende dran, denn ich habe ein tolles Angebot an alle, die über ihre Art zu lieben reflektieren möchten.
Eine „richtige“ Definition von Liebe ist schwer zu finden. Menschen können neben ihren Partner:innen Freund:innen, ihre Kinder, Eltern und Geschwister, Tiere, Gott, ihr Heimatland, Regenbögen oder Eis lieben. Die Sprache hat hierfür nur das eine Wort, die Bedeutung geht hier aber deutlich auseinander. In jeder Art von Liebe ist die fürsorgliche Zuwendung gegenüber der geliebten Person wesentlich. Fehlt diese Fürsorge, dann ist möglicherweise das, was wie Liebe erscheint, eher eine Form von Verlangen. So führt etwa der Wunsch nach Wohlstand, gesellschaftlichem Rang oder nach Macht Menschen dazu, anderen Liebe vorzutäuschen, um die ersehnten Ziele zu erreichen.
Erich Fromm, der mit seiner Arbeit „Die Kunst des Liebens“ (1956) sämtliche folgenden Arbeiten zu dem Thema beeinflusste, sah liebevolle Fürsorge und Respekt als Zentralthemen der Liebe. Fromm war überzeugt, dass Menschen zu bedeutsamen Liebesbeziehungen nur fähig seien, wenn sie zuvor ein bestimmtes Stadium der Selbstverwirklichung (der Sicherheit in ihrem eigenen Selbst) erreicht hätten. Masters & Johnson widerlegen diese Aussage jedoch mit ihrer Meinung, dass die Liebe oder das Lieben als solches ein Weg sein kann, zur Selbstverwirklichung zu gelangen. Sie betonen dabei, dass Liebe jedoch kein Ersatz für das persönliche Identitätsbewusstsein sein soll. Dieser Ansicht stimme ich zu. Erst wenn wir als Individuum reif genug sind, sind wir in der Lage nährend zu lieben.
Zur Frage, wie sich unser Bild der Liebe über die Jahre entwickelt hat, habe ich eine tolle Erklärung im Buch “Die sechs Archetypen der Liebe” von Allan G. Hunter gefunden, die ich dir nun erzählen möchte. Der Autor promovierte im Fach Englische Literatur und ist nun als Professor für Literaturwissenschaft und als Psychotherapeut tätig. Er analysiert in seiner Arbeit gewisse Archetypen, die die menschliche Entwicklung skizzieren und die in der Literatur vorkommen.
Ein kurzer Disclaimer: seine Sicht ist beschränkt auf heterosexuelle Paare, das Christentum und europäische Literatur, dadurch wird ein sehr einseitiges Bild gezeichnet, natürlich gibt es auch aus anderen Kulturen viel zum Thema. Falls dir da etwas Spannendes einfällt, melde dich gerne bei mir und schick mir deine Inputs.
Nun aber zu seinen Ergebnissen zum geschichtlichen Hintergrund der Liebe.
Geschichtlicher Hintergrund der Liebe
Die alten Griechen hatten damals mehr als nur ein Wort für die Liebe. Sie unterschieden zwischen der Liebe zu Freunden, der Liebe zum Heim, sexuellem Verlangen und erotischer Liebe. Die alten Griechen waren hervorragend darin, Dinge in Kategorien zu unterteilen.
Sie führten auch einen Lebensstil, der uns heute wohl eher verstören würde. So wurde zu jener Zeit zum Beispiel allgemein akzeptiert, dass ältere Männer homosexuelle Beziehungen zu minderjährigen Jungen unterhielten, ihren Spaß mit einer Prostituierten oder Mätresse hatten und bei all diesen Aktivitäten auch ihre Ehefrau noch respektvoll behandelten, die ihnen Kinder gebären sollte, die er erziehen und unterrichten sollte, auch in Bezug auf das Thema „Liebe“. Beziehungen dieser Art wurden damals als völlig normal angesehen und schienen mehr oder weniger alle sexuellen Varianten abzudecken, die Männern zu jener Zeit offenstanden. Für uns wäre dies heutzutage vollkommen inakzeptabel, und von den alten Griechen würden wir vielleicht sagen, dass sie auf Sex fixiert gewesen sind.
Doch mit diesem vorschnellen Urteil würde uns ihre tiefgründige Weisheit auf anderen Gebieten entgehen, auch wenn ihr Lebensstil nicht unbedingt unseren heutigen Vorstellungen von Anstand und Sittlichkeit entspricht.
Einige Jahrhunderte später unterschieden die Römer ähnlich wie die Griechen zwischen erotischer Liebe und reinem sexuellen Verlangen, doch die damals von ihnen aufgeführten Bühnenstücke – vor allem ihre Komödien – schienen es für gewöhnlich vorzuziehen, den Verliebten zu verspotten. Ein verliebter Mann galt aufgrund seines emotionalen Überschwangs nicht mehr als vernunftgeleitet und war deshalb nicht mehr wirklich ein Mann. Das von den Römern erfundene Konzept der Tugend war für sie gleichbedeutend mit Männlichkeit und drehte sich ausschließlich um nüchterne Disziplin und pragmatisches Vorwärtskommen im Leben. Es hatte nicht allzu viel zu tun mit zärtlichem Verständnis für Sexualpartner:innen.
Sexuelle Begierde war den Römern allerdings gewiss nicht unbekannt. Der Dichter Ovid (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.) reagierte auf die Begeisterung der Römer für verschiedene sexuelle Themen mit der Nacherzählung ursprünglich griechischer Mythen, die in den darauffolgenden Jahrhunderten großen Anklang fanden.
In all diesen Geschichten und Mythen, vor allem in den Metamorphosen von Ovid, gibt es einen gemeinsamen Nenner: Verliebte Menschen waren aufgrund ihrer Gelüste und der anderer um sie herum keine vernünftigen, „vollwertigen“ Menschen mehr. Man sah im Sexualtrieb also etwas potenziell Zerstörerisches, der ansonsten vernunftgeleitete Menschen in etwas verwandelte, das sich nicht mehr sehr stark vom Tier unterschied. Die sexuelle Lust verwandelte selbst Götter in Tiere. Die anarchische Natur des sexuellen Verlangens wurde, wie wir sehen, in diesen Mythen detailliert geschildert, doch was ist mit der Liebe?
Auf den ersten Blick könnte man es uns nachsehen, wenn wir glaubten, die Griechen, Römer und andere Kulturen des Altertums hätten sich in einem Zustand heilloser Verwirrung befunden.
Doch dann hätten wir das, worum es hier eigentlich geht, nicht begriffen. Die Griechen hatten ein Interesse daran, die Liebe in all ihren Formen darzustellen, was den Schluss nahelegt, dass es für sie ein Thema ständiger Faszination mit herausragender Bedeutung war – und dass sie ein differenziertes Bewusstsein der Materie entwickelt hatten. Die erwähnten Legenden der Götter und Göttinnen können als Beispiel dafür angesehen werden, wie unvernünftig und unreif sich Menschen verhalten, wenn sie glauben, verliebt zu sein – auch wenn die Beispiele in den Mythen wohl extremer Natur sind.
Ovid zeichnete viele griechische Mythen auf, obwohl sie zu jenem Zeitpunkt schon relativ alt waren, denn er wusste um die von ihnen ausgehende Kraft. Und er bemühte sich, diese Mythen in ihrer ganzen Pracht und Fülle zu präsentieren, denn er war sich ihres hohen und bleibenden Wertes bewusst. Was wir hieraus lernen können, ist, dass die alten Griechen sehr wohl einen tiefen Einblick in Wesen und Natur der Liebe hatten und sich in ihren Mythen mit Dingen befassten, die uns auch in unserer heutigen Alltagswelt einige Probleme bereiten. Nur: Wir haben heute vergessen, wie diese Mythen zu verstehen und zu deuten sind, und deshalb neigen wir dazu, die alten Griechen und Römer eher an ihren Handlungen als an den diesen Handlungen zugrunde liegenden Gedanken und Konzepten zu beurteilen.
Die alten Griechen und Römer gaben uns einen weitreichenden Einblick in ihre Erkenntnisse, doch wir hatten vergessen, wie man ihre Einsichten entschlüsseln und allgemein verständlich machen konnte. Die alten Griechen selbst hatten keine Probleme, ihre Mythen zu verstehen. Deshalb zeichneten sie sie auf und wiederholten ihre Aufführung unablässig – denn sie wussten um die Weisheit und die Wirkkraft in ihnen.
Tatsächlich sind diese Verwirrungen jüngeren Ursprungs und beruhen auf kulturell bedingten Vorurteilen, die erst in unserer schnelllebigen, vom Fortschritt besessenen Zeit aufgekommen sind. Lassen Sie uns also einen Moment innehalten und herausfinden, wie es dazu kam, dass die Liebe im Laufe der Jahrhunderte ein mit so vielen Problemen und Schwierigkeiten besetztes Thema wurde.
Beginnen wir mit den Worten des Apostels Paulus, denn sie reflektieren in gewissem Maße unsere heutigen Verwirrungen hinsichtlich der Bedeutung der alten Mythen. In seinem ersten Brief an die Korinther schrieb er in Kapitel 13: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe – am größten aber unter diesen ist die Liebe“. Das Wort „Liebe“ wird in der King-James-Version der Bibel aus dem Jahr 1611 – für die Protestanten noch immer die offizielle Bibelversion – als „Nächstenliebe“ („Charity“) wiedergegeben, was sich vom lateinischen Wort „Caritas“ (lat. für Nächstenliebe) ableitet. Da einige Versionen des Textes in Latein abgefasst wurden, ergibt dies Sinn. Doch erst vor etwa zweihundertfünfzig Jahren äußerte der englische Erweckungsprediger John Wesley Zweifel hinsichtlich der Wortherkunft und bestand darauf, dass das Wort „Liebe“ besser passe, weil es nicht den Beiklang von Mitleid oder Wohltätigkeit habe, der mit den Spenden der Reichen an bedürftige Arme einhergeht. Das Wort „Caritas“ bezeichnet eine Form liebevoller Güte, die sich nicht ohne Weiteres mit dem englischen Wort „Charity“ übersetzen lässt, und die Vorstellung davon, was göttliche Liebe ist, wurde dadurch verwässert und sogar verworren.
In der Gesellschaft des frühen europäischen Mittelalters herrschten äußerst verworrene Vorstellungen über die sexuelle Liebe. Wenn einen Mann die Liebe traf, wurde dies damals oft als ein verhängnisvolles Unglück dargestellt, das die so wichtige Loyalität und Ergebenheit gegenüber dem lokalen Feudalherren und seinem Clan gefährdete. Von Beowulf bis zu König Artus‘ Legenden ist die angelsächsische Dichtkunst voll von erschreckenden Beschreibungen darüber, was geschah, wenn Männer sich in Frauen verliebten, die das Eigentum eines anderen Mannes waren.
Über die Liebe vergaßen viele Untertanen ihre Loyalität zum König oder Clan. Dies war auch das Schicksal, das König Artus‘ Tafelrunde ereilte. Die Seitensprungaffäre von Lancelot und der Königin brach den Bund der Treue zwischen König und Untertan – und die Folge war ein Bürgerkrieg. Der machtvolle Einfluss der Liebe wurde zwar anerkannt, doch nur im Sinne gefährlich-anarchischer sexueller Begierden, die nicht beherrscht werden konnten.
Die Geschichte von Tristan und Isolde weist auf einen solchen Konflikt hin. Bis zum 19. Jahrhundert gab es viele Variationen dieser Erzählung, dann inszenierte Richard Wagner sie als Oper Tristan und Isolde. Die Handlung ändert sich zwar mit jedem Wiedererzählen der Geschichte, doch die grundlegende Botschaft der Liebe bleibt dieselbe.
In den frühen Versionen der Legende schickt König Marke von Cornwall seinen treuesten Ritter und Verwandten, Tristan, nach Irland, um die irische Prinzessin Isolde, mit der er plant, sich zu vermählen, nach Cornwall zu holen. Isolde fragt ihre Mutter, was sie tun soll, wenn sie feststellt, dass ihr Gemahl, den sie noch nicht kennt, sie nicht liebt. Glücklicherweise ist ihre Mutter eine Zauberin, die ihr eine Flasche mit einem Liebestrank gibt, um auf diese Möglichkeit vorbereitet zu sein.
Alles scheint auf eine glückliche Heirat und die endgültige Wiederherstellung des Friedens zwischen den verfeindeten Königreichen hinauszulaufen, doch dann nimmt das Schicksal seinen Lauf. Tristan und Isolde trinken versehentlich vom Liebestrank. Er entfaltet wie beabsichtigt seine Wirkung – jedoch an Personen, für die er nicht bestimmt war. Das junge Paar kann seiner Magie nicht widerstehen und verbringt den Rest der Geschichte erfolglos damit, die Sehnsucht zum jeweils anderen zu überwinden.
Tristan wird von seinem Verrat an von seinem König und Freund verfolgt; Isolde muss sich verstellen, was ihr große Seelenqualen bereitet. Als das Gerücht die Runde macht, dass nicht alles zum Besten bestellt sein soll, beschließt ihre Familie, dass das Friedensabkommen, von dem Isolde ein Teil sein soll, nicht länger aufrechterhalten werden kann, und auch Isolde wird von ihren Verwandten als Verräterin angesehen.
Der erste Punkt, den wir bei dieser Geschichte hervorheben können, ist, dass die Aufzeichner dieser Legende (wer immer sie waren) und ihr Publikum die Liebe als etwas Gefährliches betrachteten, denn sie konnte wichtige politische Bünde und Loyalitäten zerstören, was letztlich auch zu Verrat, Krieg und Tod führen konnte.
Der zweite Punkt ist: Geschichten mit Spannungsbögen wie hier übten auf das Publikum eine große Faszination aus – ein recht deutliches Zeichen dafür, dass das Publikum aus eigener Erfahrung wusste, dass Liebe und sexuelles Verlangen jeden Menschen dazu bringen konnten, die Treue der Familie gegenüber aufzugeben. Jedem im Publikum war dieses Gefühl bekannt, oder sie waren zumindest schon einmal Zeuge solcher Spannungen zwischen Familienmitgliedern gewesen.
Der dritte Punkt – ein wichtiger in Bezug auf die Wahrnehmung – ist, dass die Liebe als etwas angesehen wurde, das von außen auf den Menschen einwirkte, zum Beispiel durch einen Liebestrank oder einen Zauberspruch, gegen den es kein Mittel gibt. Weder Tristan noch Isolde weisen irgendwelche moralischen Schwachpunkte auf, doch gegen die Wirkung des Liebestranks sind sie machtlos.
Wenn Liebe die Menschen von außen trifft – wie zum Beispiel durch Amor und seine Liebespfeile -, können wir vielleicht Mitgefühl für die geplagten Verliebten aufbringen, aber es vermittelt uns kein klares Konzept, was Liebe tatsächlich ist. Im Französischen existiert immer noch eine interessante Redewendung für diese Form plötzlicher, überwältigender Liebe – coup de foudre -, was man übersetzen könnte mit „wie vom Blitz getroffen“ oder „wie vom Donner gerührt“. Dies sind beileibe keine schlechten Beschreibungen dessen, was geschehen kann, doch beachten Sie auch, welche Hilflosigkeit diese Redewendungen zum Ausdruck bringen.
Die Legende von Tristan und Isolde ist vielleicht nichts Neues, aber sie erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Im Jahre 2006 erschien eine Verfilmung des Stoffs (Tristan und Isolde)“, die die Vorstellung der Zerstörungskraft der Liebe eindringlich zur Schau stellt. Die einzige Ausnahme davon war die Liebe zu Gott, mit der aber im Laufe der Jahrhunderte immer mehr die Unterdrückung der Sexualität einherging. Das Bild des „armseligen Sünders“, der auf ewig Höllenqualen zu erleiden hat, wenn er nicht Buße tut und der Fleischeslust abschwört, trat nun in den Vordergrund, ebenso wie zu jener Zeit das allgemeine Gefühl vorherrschte, dass die Welt ein einziger Sündenpfuhl mit zahllosen Versuchungen sei – und jeder Mensch durch die Erbsünde sowieso unrein und verdorben.
Obwohl die Erbsünde in der Geschichte von Adam und Eva zunächst als Ungehorsam, der einfach auf Neugier beruhte, angesehen wurde, erklärte die Kirche später, dass der Ungehorsam vielmehr durch sexuelle Begierde hervorgerufen worden war. Die katholische Kirche mit ihren zölibatär lebenden Geistlichen fürchtete die sexuelle Liebe und tut dies bis zum heutigen Tag.
Doch diese Furcht führte leider zur Verdrängung und Unterdrückung der Sexualität, mit dem Ergebnis, dass zahllose Geistliche in sexuelle Kindesmissbrauchsskandale verwickelt waren und sind – mit den entsprechenden Folgen für die jungen Seelen dieser Kinder.
In jedem dieser aus der Volks- und Unterhaltungsliteratur herangezogenen Beispiele erkennen wir eine Konstante: Sie alle betrachten die Liebe als ein statisches Konzept. Es wird kein Versuch unternommen zu zeigen, dass Liebe wachsen oder sich wandeln kann; sie kann auf Herausforderungen treffen (in guten wie in schlechten Zeiten), doch es wird so gut wie nie Versucht herauszufinden, wie die liebe entwickelt und verinnerlicht werden kann oder was die Gründe dafür sind, dass sie dahin schwindet und scheitert. Man ist eben entweder verliebt – oder man ist es nicht.
Ein weiteres Beispiel für Verwirrungen in der Liebe ist das Mittelalter mit seiner höfischen Liebe. Dies war im Grunde eine Reaktion auf die zu jener Zeit üblichen arrangierten Ehen, bei denen es sich ausschließlich um Besitz drehte. Wo der Bund der Ehe ohne Liebe geschlossen wird, kommt es zu Liebe ohne den in der Ehe, und so nahmen die Höfe überall in Europa einen Verhaltenskodex an, bei dem es durchaus akzeptabel war, dass ein Ritter einer fürstlichen Herrin – sogar einer verheirateten – als ihr Verehrer zugesprochen wurde, solange sie keinen Ehebruch begingen. Er wäre ihr treu ergeben, würde sie wie eine Göttin anbeten und mit ihrem Namen auf den Lippen für sie sterben – und das Ganze am besten, ohne seine Gefühle für sie je öffentlich kundgetan zu haben.
Dies zeigt uns, dass Menschen sich auch damals schon der Macht der sexuellen Liebe vollkommen bewusst waren, ebenso wie der Notwendigkeit, den Geliebten oder die Geliebte zu idealisieren. Sie hatten jedoch so gut wie keine Vorstellung davon, wie sie mit diesem triebhaften Verlangen umgehen sollten – oder wie es mit der Religion in Einklang zu bringen sein könnte. Die Religion bestand darauf, dass nur die Liebe zu Gott zählt – doch ich persönlich glaube, diese Einstellung beruht eher auf fehlerhaften Vorstellungen des religiösen „Establishments“ als auf Fehlern in der Lebensweisheit, die wir in der Literatur finden. Die Literatur war also eifrig damit befasst, die zu jener Zeit herrschenden gesellschaftlichen Spannungen zu beschreiben – hatte aber keine praktischen Lösungen zu bieten, die sich nicht gegen das allgemein akzeptierte Dogma wandten.
Die zum Scheitern verurteilte Liebe zwischen Romeo und Julia lässt sich sehr gut damit vergleichen. Als die beiden nach ihrem Freitod auf der Bühne liegen und die Montagues und Capulets geloben, endlich Frieden zu schließen, wäre es nachlässig von uns, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass Pater Lorenzos Wunsch, das Zerwürfnis zwischen den beiden Häusern beizulegen, sich schließlich erfüllt – doch zu einem schrecklichen Preis. Die höhere Liebe – Frieden, brüderliche Vergebung und Einsicht – verwirklicht sich nur, wenn die sexuelle Liebe transzendiert wurde Der Prinz bringt das wunderbar zum Ausdruck, wenn er zum Schluss des Stücks sagt „Seht, welch ein Fluch auf eurer armen Seele ruht, dass Liebe eure Freuden töten muss.“ Er befiehlt den Familien ausdrücklich, sich auszusprechen, sodass alle Angehörigen etwas über die verschiedenen Ebenen und Bedeutungen der Liebe lernen – denn ohne diese Einsicht und Offenheit kann der Frieden nicht aufrechterhalten werden.
Dies ist mit Sicherheit eine Reflexion dessen, was das Publikum machen soll. Es würde auf das Drama reagieren und im Nachhinein über das Geschehene nachsinnen. Dies erwartete auch Aristoteles von einem Theaterpublikum, was er in seiner Beschreibung der Katharsis – der seelischen Reinigung als Wirkung der Tragödie – als wesentlichen Aspekt eines erfolgreichen Dramas klar hervorhebt, Das Stück soll zu weiterem Nachdenken anregen.
Shakespeares Botschaft ist in zahllosen Produktionen, die es versäumt haben, diesen Punkt gründlich in Betracht zu ziehen, verloren gegangen. Es scheint klar, dass Shakespeare uns auf etwas weit Komplexeres hinweisen will als lediglich auf die sexuelle Anziehung und ihre Herausforderungen (obgleich dies schon an sich ein ziemlich komplexes Thema ist), da Romeos und Julias Beschäftigung ausschließlich mit sich selbst nur ein Aspekt im Drama ist. Das Stück hat viel mehr zu bieten, wenn wir aufhören, uns nur auf das zu konzentrieren, was wir zu sehen erwarten – eine romantische Liebesgeschichte -, und stattdessen in ihm vielmehr eine Erkundung vieler unterschiedlicher Formen von Liebe, Treue und Bindung sehen. Denken Sie an die Liebe, die die Amme für Julia empfindet, und wie sie sie drängt, Romeo aufzugeben und ihr stattdessen, als die Dinge schieflaufen, zur Hochzeit mit Paris rät. Welche Art von Liebe ist das? Welche Art von Treue?
Welche Art von Liebe und Treue spürt Pater Lorenzo für Romeo, als auch er zwischen den beiden Häusern Frieden schaffen will, aber auch darauf vorbereitet ist zu lügen, um dies zu bewerkstelligen? Und er verlässt Julia in der Gruft, womit er sie ihrem sicheren Freitod überlässt – den sie nicht hätte begehen können, wenn er geblieben wäre. Ist das Liebe?
Nach der christlichen Glaubenslehre jener Zeit wäre ihre Seele direkt in der Hölle gelandet. Und was soll diese absurde „Treue“ der beiden Häuser zu seinem eigenen Namen und Status, aus der sich so viele Streits und Konflikte ergeben? Was auch immer Shakespeare mit seinem Stück beabsichtigte – auf jeden Fall stellt er wichtige Fragen zu unterschiedlichen Formen der Liebe und Bindung. Doch diese entscheidenden Punkte rückten bei fast allen Produktionen in den Hintergrund. Das ist so, als ob man sich bei einem Fünf-Gänge-Menü ausschließlich auf den Nachtisch konzentrieren würde.
Der Krieg zwischen den beiden Häusern führt tatsächlich nur dazu, dass die Beteiligten sich selbst Schmerz und Leid zufügen.
Beide verlieren ihre einzigen direkten Erben, was den Untergang beider Häuser besiegelt. Krieg ist eine Methode, sich selbst zu verletzen, und deshalb kein Weg, sich zu lieben. Auch heute, wo wir immer noch tote Soldaten auf den Schlachtfeldern vieler Kriege zu betrauern haben, können wir aus Shakespeares Tragödie eine Menge lernen.
Trotz dieser drängenden Fragen herrschte zu Shakespeares Zeiten unter den gewöhnlichen Menschen die allgemeine Tendenz vor, ihren Söhnen und Töchtern vorzuschreiben, was sie zu tun und wen sie zu heiraten hatten. Die Liebe sollte die durch die Ehen geschlossenen Familienbündnisse nicht scheitern lassen, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Die Liebe war ja sicher etwas ganz Nettes, doch nur Geld konnte sicherstellen, dass niemand hungern musste. Die Einstellung der Gesellschaft zur Liebe war vielleicht eher hart, nüchtern und pragmatisch, doch die Literatur befasste sich weiter intensiv mit ihr im Versuch, sie zu begreifen. Es überrascht nicht, dass Schriftsteller jener Zeit immer wieder Situationen beschrieben, in denen die liebe durch rein materialistische Belange vereitelt wurde – denn dies konnte man damals fast überall beobachten.
Zweifellos enthalten diese Geschichten tiefe Einsichten und Weisheiten, doch in jedem Fall, den wir hier betrachtet haben, wurden wir Zeug:innen einer materialistischen Gesellschaft, die Liebe zwischen zwei Menschen vereitelte. Es scheint, als ob sich die Menschen der Liebe und was sie vermochte durchaus Bewusst waren, doch eigentlich ging es ihnen vor allem darum, dass die Liebe kein unüberwindbares Hindernis für geschäftliche Beziehungen, Geld, Eigentum und die Grundbedürfnisse des Überlebens darstellte.
Im 18. und 19. Jahrhundert können wir dann erstmals eine Gegenbewegung feststellen, um das Ungleichgewicht zu beheben.
Romanschriftstellerinnen begannen, für die Liebesheirat zu plädieren statt für arrangierte Ehen, und sehr oft können wir mit Freude feststellen, dass die Romancharaktere eine ganze Weile brauchen, bis sie erkennen, dass sie verliebt sind – und so im Verlauf der Entwicklungen eine Menge über sich selbst lernen. Die britische Schriftstellerin Jane Austen überraschte ihre Leser damit, dass eine der Hauptfiguren in ihrem Roman Stolz und Vorurteil 6, Elizabeth Bennet, sich weigerte, einen Geistlichen zu heiraten, den sie nicht liebte. Sie beharrt auf ihrem Liebesglück und gewinnt schließlich die Gunst des viel verständigeren Mr. Darcy, der obendrein auch noch sehr wohlhabend ist.
Erst durch die Werke von Jane Austen, George Eliot (das Pseudonym von Mary Anne Evans), den Bronte-Schwestern und anderen Schriftstellerinnen gewann die Vorstellung, dass die Liebe zwischen Mann und Frau etwas Förderndes und Fruchtbares sein kann, allmählich an Verbreitung. Fast ein Jahrhundert brauchte es bis zu diesem Punkt der Entwicklung, und einige der herausragendsten literarischen Leistungen wurden in dieser Zeit von Frauen erbracht. Jane Austen war wohl eine der einflussreichsten Schriftstellerinnen in diesem Genre. In diesen Beispielen wird die Liebe eher wie ein Forschungsobjekt behandelt, dem man sich langsam nähert, als wie ein willkürliches, bereits feststehendes Arrangement. Wir werden Zeug:innen, wie die Liebe im Verlauf der Zeit in den Charakteren wächst und heranreift. Dies war das erste Mal in der Romanliteratur, dass die Liebe als eine dynamische Kraft betrachtet wurde. Und in gewissem Maße hat uns das an den Punkt geführt, an dem wir jetzt sind.
So begrüßenswert die Veränderungen in der Einstellung zur Liebe durch die Literatur des 19. Jahrhunderts auch waren – es war immer noch eine beschränkte Sichtweise auf das Thema. So endet zum Beispiel nahezu jeder Roman von Jane Austen mit einem glücklichen Paar und deren Heirat. Wir erfahren nicht allzu viel darüber, wie sie ihr Leben ab diesem Zeitpunkt gestalten.
In der jüngeren Literatur findet sich zu diesem Lebensabschnitt nicht allzu viel, und das ist laut dem Autor einer der Gründe, weshalb wir bei diesem Thema vom richtigen Weg abgekommen sind.
Jahrhundertelang war die Literatur für die Menschen eine Quelle hilfreicher Informationen in Bezug auf die Lebensführung zu ihrer jeweiligen Zeit. Jede Epoche hatte ihre eigenen „blinden Flecken“, doch wenn wir diesen Geschichten auf den Grund gehen, erkennen wir, dass sie ein beträchtliches Maß an Weisheit und Lebenserfahrung in Bezug auf das Thema „Liebe“, unsere Sehnsucht nach ihr und ihre herausragende Rolle in unserem Leben enthalten. Wir könnten dies mit dem Heranwachsen eines Baumes vergleichen. Er entwickelt sich aus einem Keimling und wächst zu einem Baum heran. Ein Gärtner könnte beschließen, den Baum nach der jeweiligen Mode der Zeit zu beschneiden und aus ihm ein geometrisches Objekt oder was immer ihm vorschwebt zu machen. Doch egal welche äußere Form der Gärtner dem Baum verleiht – es bleibt immer noch ein Baum. Wenn wir in der Literatur nach den wesentlichen Inhalten und Kernaussagen suchen, also nach den inneren Strukturen,, dann können wir erkennen, dass die Schriftsteller:innen uns schon seit Jahrhunderten über das Wesen der Liebe aufklären, doch wir müssen wissen, wonach wir Ausschau zu halten haben, um dann die Literatur auszuwählen, die für uns am hilfreichsten ist. Das Problem ist nur: Wir lesen diese Bücher gar nicht. Stattdessen sitzen wir vorm Fernseher und lassen uns von Seifenopern berieseln (wie interessant das Leben doch in diesen Serien dargestellt wird!), oder wir lesen Bridget Jones, oder gehen ins Kino, um in eine weitere Hollywood-Romanze einzutauchen, deren Produktionskosten zwar immens waren, die jedoch leider mit nur wenig Weisheit aufwarten kann, wenn es darum geht, wie wir leben oder lieben sollten.
Wenn wir mehr über die Liebe lernen wollen, sollten wir vielleicht bereit sein, anders über sie zu denken. Wenn wir uns ihr über den Ansatz der Archetypen nähern, kann uns dies einen großen Schritt vorwärts bringen. Denn Shakespeare und Austen wussten sehr wohl um die verschiedenen Phasen der Liebe auf den verschiedenen menschlichen Bewusstseinsstufen, und jede dieser Stufen entspricht einem Archetyp, von denen es insgesamt sechs gibt. Würde dich eine Beitrag zu den Archetypen interessieren?
Das war es nun zu seinen Ausarbeitungen zum Thema Liebe. Schön, oder? Schreib mir gerne wie du die Folge fandest.
Und jetzt noch ein Aufruf in eigener Sache: neben dem Praktikum, das ich gerade mache, schreibe ich derzeit meine Diplomarbeit für die Ausbildung zum Thema “Wie wir die Balance zwischen Selbsthingabe und Grenzen setzen in Liebesbeziehungen finden”, dafür habe ich eine Umfrage erstellt und würde mich sehr freuen, wenn du dir ein paar Minuten Zeit nimmst um sie auszufüllen. Du findest sie auf meinem Instagram Account @diemaxmustermann in den Story Highlights. Am Ende der Umfrage kannst du dich außerdem für bis zu fünf kostenfreie 1:1 Liebes-Beratungen im Februar und März bewerben. Würde mich freuen!
Alles Liebe,
Iris