Unsere Sexualität in den Lebensphasen

 

Nachdem im letzten Beitrag die 5 Dimensionen unserer Sexualität im Vordergrund standen, werden wir in diesem Beitrag die Entwicklung der Sexualität in den verschiedenen Lebensphasen Kindheit, Adoleszenz sowie Erwachsensein beleuchten. 

  1. Sexualität in der Kindheit 

Durch die unzureichende Forschung aufgrund von Erinnerungslücken, Übertreibung und Auslassungen ist nur wenig zulässiges Datenmaterial zu dieser Phase vorhanden. Erst mit Freud gab es hierzu umfassenderes Material. Die Akzeptanz der sich entwickelnden Sexualität der Kinder wird durch die Aufklärung der Eltern zwar größer, ein Widerspruch besteht aber noch deutlich durch das Unbehagen der Eltern. Eltern und zukünftige Eltern können sich über die typischen Verhaltensmuster der kindlichen Sexualentwicklung informieren und dann ihren Kindern dabei helfen, zwanglos mehr über ihre Sexualität zu lernen. Dafür müssen sie sich jedoch selbst mit dem Thema wohl genug fühlen, um darüber zu sprechen.

Die biologische Dimension der Sexualität macht sich bereits bei Neugeborenen bemerkbar. Viele männliche Neugeborene weisen in den ersten Minuten nach ihrer Entbindung eine Erektion auf. Bei weiblichen treten Vaginalfeuchte und Klitoriserektion während der ersten 24 Stunden auf. 

Mit dem zweiten Lebensjahr können die meisten Kinder laufen und sprechen und sie haben darüber hinaus ein Gefühl dafür entwickelt, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sind. Die Neugier bezüglich des eigenen Körpers ist unübersehbar und die meisten Kinder entdecken, dass die Berührung der Genitalien lustvolle Empfindungen bewirken kann. Daraus entwickeln sich kindliche Sexualspiele. 

Mit fünf Jahren, wenn die meisten Kinder in den Kindergarten gehen, bewirkt die Möglichkeit der Beziehung zu Gleichaltrigen innerhalb einer festen Umgebung meist größere Zurückhaltung und sexuelle Spiele finden weniger häufig statt. Kinder dieser Altersgruppe fasziniert das Lernen neuer Wortbezeichnungen für Geschlechtsteile und Sexualität, die sie bis dahin nicht kannten und Witze über Sex und Genitalfunktionen machen die Runde. Das Kind versteht möglicherweise den Witz gar nicht, lacht jedoch laut um das Nichtwissen zu überspielen. 

In dieser Entwicklungsphase bauen sich Kinder auch Sexualvorstellungen aus der Beobachtung der Körperinteraktionen der Eltern auf. Wenn diese sich küssen und umarmen und dabei offensichtlich Spaß haben, dann ist das eine gute Grundlage für den Freudegewinn bei späterer körperlicher und emotionaler Intimität. Wenn Kinder die Eltern hingegen nur streiten sehen oder hören, dann kann dies die gegenteilige Wirkung auf sie haben. 

Mit sechs oder sieben Jahren haben Kinder für gewöhnlich bereits klare Vorstellungen von den anatomischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern und zeigen eine charakteristische Scheu vor körperlicher Entblößung. Zweifellos hat die Einstellung der Eltern zur körperlichen Nacktheit Einfluss auf die Schamgefühle oder die Unbekümmertheit des Kindes in diesem Bereich. Gleichzeitig bricht die natürliche kindliche Neugier aus, was sich durch „Vater-Mutter“ Spiele äußern kann. Die Autoren zitieren Kinsey, der unter anderem in einer Umfrage herausfand, dass sich etwa 45% der Frauen und 57% der Männer erinnern können an Sexspielen teilgenommen zu haben. Borneman berichtet über das Auftreten von selektiver Amnesie, die in der Pubertät auftritt und Erinnerungen abblockt. Diese Amnesie wird oft dadurch ausgelöst, dass die Eltern schockiert sind wenn sie ihre Kinder bei solchen Spielen erwischen. 

Wenn Eltern bei Kindern im Schulalter Sexspiele bemerken, reagieren sie häufig mit einer Doppelmoral. Mädchen werden dabei ausdrücklich davor gewarnt, vor allem wenn auch Jungs involviert wären. Jungen erhalten oft gemischte Informationen von den Eltern. Vielleicht warnen sie sie davor bzw. bestrafen sie dafür, ein heimlicher Stolz weil „Jungs nun mal Jungs“ sind schwingt hier jedoch oft mit. 

Es gibt nach wie vor einen Streit um die Sexualpädagogik sowie Sexualunterricht in Schulen. Denn obwohl sich die meisten Menschen einig sind, dass es nötig ist, Kindern sachliches Wissen über Sexualität zu vermitteln, so gibt es große Meinungsunterschiede darüber was, wo, von wem unterrichtet werden soll. So konnte in mehreren Studien aufgezeigt werden, dass die wenigsten Eltern ihre Kinder aufklären. Teenager geben währenddessen an, dass sie sich das meiste Wissen über ihre Freund:innen angeeignet haben. Die Frage, ob Sexualunterricht an Schulen gelehrt werden solle, führt zu heftigen Diskussionen. Auch die Art der Aufklärung stellt eine wesentliche Herausforderung dar. So kommt es bei „Bienchen und Blümchen“ Erklärungen zu deutlichen Verzerrungen des Bildes der Kinder zum Thema Sexualität. Masters & Johnson (1993) führen in ihrem Buch  Ratschläge an, die Eltern bei der Aufklärung beachten sollten: 

  1. Wenn man mit dem Kind über Sexualität spricht, sollte man dies ganz sachlich und ruhig tun, so wie man auch über andere Dinge reden würde. 

  2. Es soll auch keine „Vorlesung“ über Sexualität werden. So verlockend es sein mag das Thema in 15 Minuten abzuschließen, so verfügen Kinder über eine relativ kurze Aufmerksamkeitsspanne. Die Inhalte bleiben hängen, wenn die Kinder von sich aus Fragen stellen, die sie interessieren. 

  3. Nur die biologischen Fakten zu vermitteln reicht nicht aus. Kinder müssen auch die dazugehörigen Wertvorstellungen, Gefühle und Entscheidungsmechanismen verstehen. 

  4. Man braucht sich keine Sorgen zu machen, dass man zu früh zu viel über das Thema spricht, da Kinder fast stets Dinge herausfiltern, die sie noch nicht verstehen. 

  5. Wenn das Kind Wörter verwendet, von denen man (noch) nicht will, dass sie benutzt werden, soll man dies auch begründen (z.B.:„Mich/Andere Menschen stört das weil…“). Wenn man aber lacht oder die Kinder anders merken, dass man es lustig findest, dass das Kind „unanständige“ Wörter verwendet, könnte das Wiederholungen provozieren. 

  6. Wichtig ist auch, die exakten Bezeichnungen für Körperpartien zu benutzen, statt Verniedlichungen wie „Pipi“ oder ähnliches. 

  7. Schon Kinder im Vorschulalter sollten wissen, wie sie sich gegen sexuellen Missbrauch schützen können. Darum sollte man ihnen unbedingt klar machen, dass es durchaus in Ordnung ist Erwachsenen gegenüber „Nein“ zu sagen. 

  8. Die Pubertät sollte unbedingt vor deren Eintreten besprochen werden. Physiologische Veränderungen wie die Entwicklung der Brüste, Menstruation und nächtliche Samenergüsse setzen meist bereits vor dem zehnten Lebensjahr ein. 

  9. Alle Kinder sollten unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Informationen enthalten. Die Begleiterscheinungen der Menstruation sollten unbedingt auch mit Jungen besprochen werden. Auch Themen wie Prostitution und Pornografie sollte mit allen besprochen werden, da Kinder darüber einiges in den Medien hören und dadurch eine völlig natürliche Neugier entwickeln.

  10. Man sollte es dem Kind leicht machen, mit Fragen zu dem Thema zu einem zu kommen. Verletzungen durch Abweisungen können sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Wenn man eine Frage nicht beantworten kann, darf man nicht davor scheuen selbst zu recherchieren oder eine:n Expert:in zu fragen. 

  11. Hat man Fragen des Kindes beantwortet, sollte man nachhaken, ob diese Antworten wirklich verstanden wurden. So kann man sichergehen, dass sie wirklich die Antwort bekommen haben, die sie wissen wollten und gibt darüber hinaus die Chance, weitere Fragen zu stellen. 

2. Sexualität in der Adoleszenz

Die Adoleszenz ist die Zeitspanne zwischen dem zwölften und neunzehnten Lebensjahr. Es ist eine Periode rapider Veränderungen und Forderungen. Hierbei ist der Reifungsprozess des Körpers nur ein Teil der Gesamtentwicklung, neben einer Reihe psychosozialen Anforderungen wie: das Lösen von den Eltern, Entwicklung der Fähigkeit zu gutem Umgang mit Gleichaltrigen, das Erarbeiten von ethischen Wertvorstellungen und persönliches sowie soziales Verantwortungsbewusstsein. Neben all diesen komplexen Anforderungen müssen Jugendliche lernen mit ihren veränderten sexuellen Gefühlen umzugehen und bei sexuellen Erlebnissen entsprechend verhüten.

Andererseits ist die Adoleszenz aber auch eine Zeit der Entdeckungen und des Aufblühens. Es ist die Zeit, in der sich verstandes- und gefühlsmäßige Reifeprozesse mit der körperlichen Entwicklung zu einem wachsenden Gefühl von Freiheit und aufregender Lebendigkeit verbinden. 

Während der Adoleszenz treten Sexualphantasien und sexuelle Träume drastischer und häufiger auf als in früheren Jahren und sind oft Begleiterscheinungen der Masturbation. Diese Phantasien können die Lustempfindung bei sexueller Aktivität steigern, ein Ersatz für ein zwischenmenschliches Erlebnis sein, Erregung und Orgasmus herbeiführen und eine Art geistig-seelischer Vorausprobung späterer sexueller Erlebnisse sein. Außerdem machen sie es möglich, in Sicherheit und ohne Peinlichkeiten kontrolliert sexuelle Experimente durchzuführen. 

Die Wichtigkeit der Interaktion mit Gleichaltrigen nimmt immer mehr zu. Teenager suchen hier nach Unterstützung und Führung. Sie nehmen sich vor, die Fehler der älteren Generationen nicht zu begehen, merken jedoch auch rasch, dass auch ihre Altersgruppe ganz eigene feststehende Regeln, Erwartungen, Kontrollmechanismen und soziale Verhaltensvorschriften hat.

Die Gruppenzwänge unter Gleichaltrigen sind unterschiedlich und spiegeln die ethnischen, wirtschaftlichen und subkulturellen Umstände der jeweiligen Gemeinschaft wider. Diese führen oft dazu, dass sich Mitglieder der Gruppe an sexuellen Aktivitäten beteiligen, um akzeptiert zu werden. 

Bei den sexuellen Entscheidungen von Teenagern zeigt sich recht eindeutig das Reflexbild individueller, psychologischer Bereitschaft, persönlicher Wertmaßstäbe, moralischer Überlegungen, Angst vor negativen Folgen und romantischer Gefühlsbindung. 

Durch den starken Austausch mit Gleichaltrigen kommt es oft zu Falschinformationen über Sex und die fehlende schulische oder elterliche Aufklärung verstärkt die Schieflage noch. 

Die Erwachsenen ermutigen ihre Kinder im Allgemeinen zwar, sich unabhängig zu machen, aber in unserer Gesellschaft bedeutet dies doppelte Fesseln für die Jugendlichen. Sie sind nicht länger Kinder, aber auch noch keine Erwachsene, aber man erwartet in vielerlei Hinsicht, dass sie sich wie solche verhalten. Diese Ansicht hat beim Thema Sexualität dann aber oft keine Gültigkeit, was zu Unsicherheiten und Verwirrung führen kann. 

Die meisten Eltern sind, ungeachtet dessen was sie selbst sexuell erlauben, wenig tolerant wenn es um vorehelichen Sex ihrer eigenen Kinder geht. Es wurde herausgefunden, dass Jugendliche, die von ihren Eltern aufgeklärt wurden, deren Vorstellungen über Sexualität übernommen haben und außerdem durchschnittlich länger sexuell unberührt bleiben. 

3. Sexualität bei Erwachsenen 

Laut C.G. Jung ist die Entwicklung der Sexualität auch bei Erwachsenen noch voll im Gange. Das Erwachsensein besteht demnach aus einem fortlaufenden Muster von Prozessen des Lernens, der Krisen und der Entscheidungen. Masters & Johnson (1993) behandeln explizit die frühen, mittleren und späten Erwachsenenjahre.

In der Phase der frühen Erwachsenenjahre, von etwa 20 bis 24, ist eine Zeit, in der Menschen wichtige Lebensentscheidungen treffen und von den relativ unerprobten, ehrgeizigen Träumen der Adoleszenz zu einer persönlichen Reife übergehen, die sich nach den Realitäten der Welt ausformt, in der sie leben. Für viele ist dies eine Zeit der wachsenden Verantwortung in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen. Der Trend der späteren und stark reduzierten Eheschließungen in dieser Altersspanne und die Bevorzugung der simplen Kohabitation ist schon damals erkennbar. Der Eindruck, dass junge Singles automatisch ein sexuell erfülltes, glückliches Leben führen, ist schlichtweg falsch. In ihrer Befragung von 250 Studierenden geben etwa 43% an, sie machen sich Sorgen, dass ihnen keine Zeit für ihr Sexualleben bleibt. 37% der Befragten hatten Probleme mit der Vaginallubrikation bzw. Peniserektion. 30% der Frauen hatten Schwierigkeiten zum Orgasmus zu kommen, während 23% der Männer über verfrühte Ejakulation klagten. Erst Mitte bis Ende der 30er Jahre ist für viele die Zeit, in der sie wirklich zu unabhängigen Personen werden und Entscheidungen über ihre künftige Lebensorientierung treffen. 

Als die mittleren Erwachsenenjahre werden die Jahre ab 40 bezeichnet. Dies ist die Zeit, in der die Träume und Energie der Jugend der harten Realität weichen, in der die Menschen oft das erste Mal das Gefühl bekommen, ihre Lebenszeit wird immer knapper. Von der Sexualität her scheinen Männer in dieser „Midlife-Krise“ besonders hilflos gegenüberzustehen. Dem gesellschaftlichen Irrglaube folgend, dass es ab 40 mit dem Sexualleben bergab geht, beginnen viele alles zu hinterfragen, was dann tatsächlich oft zu Problemen ihrer sexuellen Kapazität führt. Sie suchen sich dann oft jüngere Sexualpartnerinnen in der Hoffnung, dass diese ihre Leidenschaft wieder anheizen, was zu noch mehr Frust führen kann. Frauen zeigen in dieser Phase weniger Befürchtungen in Bezug auf ihre Sexualkapazität. Für Frauen, die Kinder geboren und aufgezogen haben, ist dies die Zeit der aufblühenden Eigenidentität, verbunden mit einer inneren Befreiung aber auch Schuldgefühlen. Wenn die Kinder aus dem Haus fortziehen kommt es oft zum „Empty Nest“ Syndrom, das Depressionen auslösen kann. Besonders belastend ist diese Zeit wenn die mit der Menopause zusammenfällt, die eine große körperliche Belastung für die Frau sein kann. Denn ab dem 40. Lebensjahr nimmt die Ovulationsfrequenz ab und zwischen 48 und 52 Jahren setzt die menstruale Ausscheidung ganz aus, was als Menopause bezeichnet wird. 

Die späten Erwachsenenjahre sind entgegen der gesellschaftlichen Mythen nicht frei von dem Bedürfnis nach Intimität, Erregung und lustvoller Freude. Es gibt im biologischen Altersprozess nichts, das automatisch der Sexualität ein Ende bereiten würde. In einer Längsschnittstudie wurde herausgefunden, dass die Muster des Sexualverhaltens im Grund während der mittleren und späten Erwachsenenjahre stabil bleiben. 

Die höhere Lebenserwartung von Frauen, in Verbindung mit der Tendenz eher ältere Männer als Partner zu wählen, führt dazu, dass es viele Witwen gibt. Diesen steht ein stark begrenztes Angebot an Männern zur Verfügung, da die, die noch leben, eher Kontakt zu jüngeren Frauen suchen. 

Der diskriminierende Kulturnegativismus, der mit der Ablehnung von Sexualität und romantischen Beziehungen im Alter verbunden ist, wird als Ageism bezeichnet. Ein Ageist sieht ältere Menschen nur als Stereotypen: erstarrt, langweilig, verkalkt, senil, altmodische Moralvorstellungen, nutzlos. Ob wir als Gesellschaft die sexuelle Revolution durchschritten haben, wird daran zu messen sein, ob sich unsere Einstellung zur Alterssexualität geändert hat. 

Auch in den Altersheimen, in denen viele ihre letzten Lebensjahre verbringen, wird das Thema Sexualität nicht gerne gesehen. Aus ethischen Gründen plädieren Masters & Johnson dringend für eine Änderung hin zu mehr Toleranz von Sexualität in Altersheimen. 

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