Letzte Woche kam im Podcast eine Folge zum Thema feministischer Aktivismus mit Julia von Trinksaufmich online. Darin haben wir unter anderem über das Gendern gesprochen. Wir haben aber nicht darüber gesprochen, was das genau ist, dieser Beitrag soll dies nun nachholen. Denn der meiste Widerstand gegen das Gendern kommt von Unwissenheit.
Der Begriff Gender stammt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie Geschlecht. Doch er bezieht sich dabei nicht auf unsere körperlichen Merkmale und das somit zugewiesene Geschlecht, das würde im englischen “Sex” heißen. Vielmehr umfasst der Begriff Gender das soziale, das gelebte und gefühlte Geschlecht.
Der Begriff Gender wird im Deutschen also genutzt, wenn es um das soziale Geschlecht und um Geschlechtsidentität geht. Mit dem sozialen Geschlecht sind etwa Geschlechterrollen gemeint. Dabei ist es sehr spannend, sich mit Geschlechterrollen zu beschäftigen. Denn welche Ideen und Normen mit dem sozialen Geschlecht verknüpft werden, ist veränderbar und abhängig von Kultur und Zeit.
Über Jahrzehnte hinweg hat sich auch bei uns viel verändert: Frauen haben sich zahlreiche Möglichkeiten und Rechte erkämpft. Aber auch für Männer hat sich einiges verändert. Außerdem gibt es weit mehr als diese zwei Geschlechter. Auch das ist heute anerkannter und sichtbarer als vor 50 Jahren.

„Männer sind …, Frauen sind …“ Wenn wir diese Sätze vervollständigen, kommen häufig viele Klischees und Stereotypen heraus. Das liegt daran, dass uns ständig erzählt wird, wie Männer und Frauen angeblich sind. Viele denken, um als Mann oder Frau zu gelten, müssten sie solchen Klischees und Erwartungen entsprechen. Aber sieh dir dafür reale Menschen mal genauer an: Geht dein Vater gerne ins Theater? Macht deine Schwester Karate, oder spielt dein Freund Trompete? Und sagt das was über ihr Geschlecht aus? Menschen sind eben immer viel mehr als diese Klischees – und viele sind auch ganz anders.
Im Vergleich zu vor 50 Jahren haben sich die Erwartungen (oder Anforderungen) außerdem geändert: z.B. sollen Frauen Karriere und Kinder unter einen Hut bekommen, sich aber weiter um ihr Aussehen kümmern. Männer sollen auch einfühlsam sein, sich am Haushalt beteiligen und Elternzeit nehmen.
Sich verändernde und weniger starre Geschlechterrollen können befreiend wirken – aber auch überfordern. Mehr Möglichkeiten zu haben und nicht in starren Rollen zu stecken, befreit uns alle. Alles sein und machen zu können, unabhängig vom Geschlecht, ist super! Es sollte aber nicht heißen, auch alles sein und machen zu müssen.
Wir alle lernen, es gebe nur zwei Geschlechter (Frauen und Männer), das Geschlecht könne man am Körper sehen, es sei angeboren und verändere sich nicht. Eine Person nicht sofort als Mann oder Frau einordnen zu können, verunsichert deshalb viele erstmal. Geschlecht ist aber eigentlich eine ziemlich komplizierte Sache.
Menschen müssen also nicht entweder männlich oder weiblich sein. Sie können auch männlich und weiblich zugleich sein, oder mal mehr das eine, mal mehr das andere. Statt männlich und weiblich als entweder/oder zu denken, kann man sich Geschlecht als Spektrum vorstellen – oder, noch schöner, als Sonnensystem!
Die bei uns immer noch herrschende Vorstellung, es gebe nur zwei Geschlechter, hat eine Geschichte und ist veränderbar – genau wie Geschlechterrollen. Und seit Januar 2019 gibt es in Deutschland immerhin drei offiziell anerkannte Geschlechter.
Je nachdem, mit welchem Geschlecht sich eine Person identifiziert, können sich ihre Pronomen ändern. Pronomen sind Fürwörter, also Wörter, die ein Nomen vertreten können oder mit einem Nomen zusammen auftreten. Sie beziehen sich immer auf Personen.
So kann es sein, dass ein Mensch der mit typisch weiblichen körperlichen Merkmalen zur Welt kommt sich nicht mit der gelebten Realität des weiblichen Geschlechtes identifizieren kann und sich somit für männliche Pronomen wie er / ihn, oder neutralen Pronomen wie they / them statt dem herkömmlichen sie / ihr entscheidet. Was das körperliche Geschlecht dieser Person betrifft, muss das aber nicht heißen, dass eine Änderung gewünscht ist. Das ist aber ein sehr sensibles Thema, deshalb ist es mehr als nur unhöflich, eine Person daraufhin zu fragen, was sie denn nun “zwischen den Beinen hat”. Falls du das also bisher daraufhin gefragt hast, hör auf damit.
Das Gendern ist aber vor allem im Zusammenhang mit Sprache und Schrift in aller Munde. Soll man nun plötzlich Gendern? Das haben wir doch früher auch nicht gemacht? Sind denn nicht eh alle mitgemeint?
Etliche Studien belegen, dass Frauen sich nicht nur nicht mitgemeint fühlen, wenn wir uns immer nur in männlichen Begriffen ausdrücken, darüber hinaus wurde auch schon belegt, dass eine rein männliche Ausdrucksweise auch eben jene Bilder in unseren Köpfen auslöst. Also wenn ich Ärzte, Journalisten oder Taucher sage, ist es sehr unwahrscheinlich, dass du dabei auch ausreichend an Ärztinnen, Journalistinnen oder Taucherinnen denkst.
Doch wie gendert man denn nun richtig? Es gibt einige Möglichkeiten. Du kannst im Sprechen jeweils die neutrale Form von Wörtern nutzen, so wie Studierende, Kunstschaffende oder Arbeitnehmende. Oder du machst eine kurze Sprechpause, zum Beispiel zwischen t und i, wenn du Student:innen sagst.
Genderst du beim Schreiben, gibt es noch keine alleingültige Herangehensweise, hier kannst du entweder das I groß schreiben, einen Unterstrich, Doppelpunkt oder Stern einfügen. Das bedarf vielleicht am Anfang ein wenig Übung, aber schon bald ist das Gendern ein automatisierter Prozess.
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Alles Liebe,
Iris